Verhaltensketten im Hundetraining
Da kommt sie angesaust… und ist gleich auch wieder weg!
Läuft hier vielleicht etwas schief?
Der Radius deines Hundes auf dem Spaziergang wird immer grösser, seine Ausflüge in den Wald häufiger, das Rennen dabei immer schneller? Der Rückruf klappt einwandfrei, dein Hund kommt angeflitzt…. und, zack, ist auch schon wieder weg. Du hörst dich selbst immer wieder rufen und pfeifen und irgendwie hast du das Gefühl, dass sich da etwas in die falsche Richtung entwickeln könnte.
Du erkennst das genau richtig. Wahrscheinlich hast du deinem Hund ungewollt etwas beigebracht und trainierst es täglich weiter: Eine Verhaltenskette
Saust dein Hund auf dem Spaziergang immer weiter und immer schneller weg von dir, kann das verschiedene Gründe haben.
das allgemeine Erregungslevel im Alltag ist (zu) hoch
dein Hund ist überfordert und rennt nur noch mehr oder weniger kopflos durch die Gegend
es sind viele Reize und Gerüche in der Umgebung
du läufst zu schnell und zu weit
dein Hund ist müde und überfordert mit dem Freilauf (Impulskontrolle aufgebraucht)
dein Hund kennt das ruhige gemeinsame Spazieren mit dir noch zu wenig, um sich zu entspannen
dein Hund hat Schmerzen, Hunger oder er friert
du hast schlechte Laune und bist genervt und dein Hund macht Distanz zu dir.
All dies und noch viel mehr kann dazu beitragen, dass dein Hund immer wieder weit von dir wegrennt.
Es könnte aber auch sein, dass eigentlich alles tiptop ist und sich vielmehr bei deinem Rückruf ein Trainingsfehler eingeschlichen hat. Das passiert oft und ist auch nicht schlimm, wenn man die Sache durchschaut hat.
Verhaltensketten passieren immer und sind meist auch gewollt: Eine Verhaltenskette ist eine Aneinanderreihung von verschiedenen Verhalten/Elementen, bei denen am Schluss eine Belohnung kommt, die das Verhalten für den Hund lohnend macht und es verstärkt. Er wird dieses Verhalten ergo immer stärker und immer öfter zeigen. So läuft belohnungsbasiertes Training.
Im Falle des Rückrufs sieht das so aus:
Leine weg
Weglaufen/Wegrennen
Abstand zum Menschen
Orientierung weg vom Menschen
Rückruf
Orientierung zum Menschen hin
Hinlaufen
Ankommen beim Menschen
Belohnung abholen.
Dies wollen wir ja genau so, das ist also eine wichtige Verhaltenskette! Das Problem dabei ist aber, dass nun alles, was in dieser Kette an einzelnen Elementen drin ist und der Hund zeigt, mit der Belohnung am Ende der Kette mitgelernt und verstärkt wird. Also auch das Wegrennen und die Orientierung weg vom Menschen.
Für einen Hund der a) gerne rennt und b) gerne kooperiert und c) gerne frisst, ist so ein super positiv aufgebauter Rückruf eine richtig geniale Sache: alle Verhaltensweisen sind für ihn cool und selbstbelohnen und am Schluss kommt noch ein Jackpot, der Futter sein kann, aber sicher Aufmerksamkeit, Lob und einiges an Aufregung der Menschen beinhaltet. Yeahh, das mache ich noch mehr, sagt er sich!
Was passiert also, wenn der Rückruf/Pfiff immer dann kommt, wenn dein Hund wegrennt, wenn er etwas Spannendes sieht, wenn er bereits ausser Sichtweite ist und wenn die Aufmerksamkeit überall, aber nicht bei dir ist? Genau, er wird all dies in Zukunft öfters zeigen. Er wird immer weiter und immer schneller rennen, weil er gelernt hat, dass dieses Verhalten von dir so gewünscht ist.
Die Lösung ist ziemlich einfach und erfordert von dir eine gute Beobachtung und eine geeignete Routenwahl mit wenig Reizen.
Übe den Rückruf immer dann, wenn
dein Hund langsam bei dir läuft (und eh nix zu tun hat)
wenn er nahe bei dir ist
wenn er auf dem Weg läuft
wenn er vom Galopp in den Trab wechselt
von Trab in Schritt
von Schritt in Steh
wenn er eh schon zu dir unterwegs ist
wenn er dich anschaut
wenn ein Ohr bei dir ist
wenn er hinter dir ist usw.
Für deinen Hund wird es im kleineren Radius und in einer allgemein gemächlicheren Gangart schön und gemütlich. Mach das immer mal wieder - ohne dabei deinem Hund zu fest auf die Nerven zu gehen - an unterschiedlichen Orten, mit viel Freude und wenig Aufregung. Dadurch bist du gemeinsam mit deinem Hund unterwegs, festigst den sogenannten Beziehungsrückruf und als kleiner Nebeneffekt wird der Rückruf in grosser Distanz immer seltener nötig.
Arbeite nicht immer mit Futter, sondern wähle verschiedene Belohnungen, über die sich dein Hund freut: ein verbales Lob, eine Rückwärtssuche, eine Pause, eine Berührung, ein netter Blick, ein Spiel, gemeinsam etwas beobachten. Einfach etwas, worüber sich dein Hund freut.
Management
Ist dein Hund an einem Tag sehr aufgeregt, bist du unkonzentriert oder wenn einfach zuviel läuft: dann bleibt eine lange Leine (ab 3 Meter) dran und ihr geht ganz gemütlich gemeinsam spazieren. Eine lange Leine, die sorgfältig geführt wird, ist für den Hund keine Strafe, sondern meist sogar eine Entlastung. Allerdings darfst du die Leine weder als Abschleppseil noch als Lasso verwenden. Leinen sind nicht zum Führen da, hat mal einer gesagt.
Natürlich musst du deinen Hund zurückrufen, wenn er dann doch einmal zu weit weg ist oder wenn euch ein anderer Hund entgegenkommt. Achte aber darauf, dass du den Rückruf nicht nur in diesen Momenten anwendest. Über kurz oder wird sonst nämlich dein Hund dich trainieren 😉. Was durchaus lustig sein, im Falle vom Rückruf oder Bellen am Gartenzaun ist es meist aber nicht gewollt.
Erkennst du noch andere Verhaltensketten in eurem Alltag?